Am 17. April, dem 46. Todestag der Sozialpionierin Dr. Anna Dengel, fand in der Wiener Votivkirche eine feierliche Andacht zu ihrem Andenken und anlässlich des zu Ende gegangenen Jubiläumsjahres „100 Jahre Gründung der Missionsärztlichen Schwestern“ statt. Der Ort für das Gedenken, organisiert vom Verein „Freunde Anna Dengel“ und der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, war nicht zufällig gewählt. Ein Glasfenster in der Votivkirche, das sogenannte Missionsfenster, erinnert an das Leben und Wirken der Tirolerin, die eine der ersten Ärztinnen Österreichs war.
Frauen-Solidarität und Beharrlichkeit
Im Rahmen der Andacht würdigte Reinhard Heiserer, Geschäftsführer von Jugend Eine Welt, das außergewöhnliche Engagement der Ordensgründerin der Missionsärztlichen Schwestern und strich die Relevanz ihrer Pionierarbeit heraus, die bis heute anhält. Heiserer verwies auf prägende Erfahrungen im Leben Dengels. So habe eine ihr persönlich unbekannte, nur über Briefverkehr mit ihr verbundene Frau durch finanzielle Unterstützung ihr Studium ermöglicht. Dies sei ein "Beispiel für Solidarität zwischen Frauen, die sich eingesetzt haben für ein besseres Gesundheitssystem" und zeige auch heute noch, was Vertrauen bewirken könne. Erst dieses Zusammenspiel zwischen Dengel und ihrer Patin habe dazu beigetragen, "dass Anna Dengel werden konnte, was sie war".
Heiserer hob weiters Dengels Beharrlichkeit hervor. Auch angesichts kirchlicher Widerstände habe sie an ihrem Ziel festgehalten und nach Lösungen gesucht. Wenn sich Hindernisse ergeben hätten, habe sie Wege gefunden, diese zu umgehen, "weil sie an ihre Sache geglaubt hat".
"Feuer und Flamme" als Ärztin und Missionarin
Pater Stefan Hengst SJ stellte die Spiritualität Anna Dengels in den Mittelpunkt und zeichnete in seiner Predigt das Bild einer jungen Frau, die früh eine klare Berufung verspürte. Bereits mit 17 Jahren sei sie "sofort Feuer und Flamme" gewesen, als sie von der Möglichkeit hörte, als Ärztin in Missionsländern zu wirken und "Missionarin zu sein". Sie sei dabei von Zuversicht geprägt gewesen, etwa in der Überzeugung: "Das Unmögliche von heute ist die Arbeit von morgen."
Zugleich betonte Hengst die geistliche Tiefe im Leben der Ordensgründerin. Dengel habe aus dem grundlegenden Vertrauen heraus gelebt, angesichts der Vorsehung und Liebe Gottes und seines Erbarmens könne nichts hoffnungslos sein. Ihr Zugang sei eine "Integration" von Glauben und Alltag gewesen, denn: "Es ist gar nicht so kompliziert, Gott zu suchen." Daraus habe Dengel auch klare Maßstäbe für religiöses Leben abgeleitet, das vor allem in der Gottsuche bestehe. Charakteristisch sei auch die Gelassenheit gewesen, denn: "Wir brauchen nicht ängstlich zu sein, wir sind in Gottes Hand", so ein Ausspruch Dengels.
Die Andacht machte eindrucksvoll deutlich, wie lebendig das Vermächtnis von Anna Dengel bis heute ist. Ihr Einsatz für Gerechtigkeit, ihre Entschlossenheit, bestehende Grenzen zu überwinden, und ihr tiefer Glaube bleiben Inspiration und Auftrag zugleich. Für die Anwesenden wurde spürbar: Die Vision Anna Dengels wirkt weiter – in konkreter Hilfe für Menschen weltweit und in der Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft.
Über Anna Dengel
Anna Dengel wurde 1892 in Steeg im Tiroler Lechtal geboren und wuchs, als ältestes von neun Kindern, in einfachen Verhältnissen auf. Schon früh reifte in ihr der Wunsch, als Ärztin zu arbeiten und ihre Fähigkeiten in den Dienst anderer zu stellen. Nach ihrem Medizinstudium begann Anna Dengel 1920 ihr ärztliches Wirken in Indien. Mit großem Mut und gegen zahlreiche Widerstände gründete sie in der Folge im Jahr 1925 den Orden der Missionsärztlichen Schwestern. Ihr Ziel war es, Frauen medizinisch zu versorgen, auszubilden und ihnen Würde sowie Selbstbestimmung zu ermöglichen. Dabei musste sie nicht nur organisatorische Hürden überwinden, sondern auch kirchenrechtliche Grenzen: Ordensangehörigen war es seit dem Jahr 1215 nicht erlaubt, ärztlich tätig zu sein. Anna Dengel setzte sich beharrlich für Veränderungen ein – mit Erfolg, 1936 wurde das alte kirchliche Verbot aufgehoben. Ihr Einsatz trug dazu bei, neue Wege für Frauen im kirchlichen Dienst zu eröffnen.
Missionsärztlichen Schwestern führen Dengels Werk weiter
Heute sind die Missionsärztlichen Schwestern in zahlreichen Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und Europas tätig. Sie betreiben Krankenhäuser, Gesundheitszentren und Ausbildungsprogramme, engagieren sich in der Gemeindearbeit und leisten Aufklärungsarbeit, etwa in den Bereichen Frauengesundheit, Prävention und soziale Gerechtigkeit. Ihr Ansatz ist ganzheitlich: Neben medizinischer Hilfe stehen immer auch Bildung, Stärkung von Frauenrechten und nachhaltige Entwicklung im Mittelpunkt.
Jugend Eine Welt und der Verein „Freunde Anna Dengel“ unterstützten zahlreiche Projekte der Missionsärztlichen Schwestern weltweit. Beispielsweise in Äthiopien das Krankenhaus von Attat oder die Holy Family Clinic in Kulmasa, im Norden Ghanas.
(Hinweis: Teile des Textes stammen aus einer Meldung der Kathpress)