Am Donnerstag, 25. Juni 2026, erschütterten Venezuela zwei schwere Erdbeben binnen weniger Sekunden. Das Ausmaß der Katastrophe ist enorm. Die beiden Beben mit einer Stärke von bis zu 7,5. trafen die Menschen im Andenstaat, die vermehrt ohnehin bereits in Armut leben, mit voller Gewalt. Häuser stürzten ein, Schulen und öffentliche Infrastruktur wurden schwer beschädigt. Tausende Menschen starben. Weitere Tausend werden noch vermisst. Ganze Familien stehen vor den Trümmern ihres Lebens. Sie haben alles verloren.
Jugend Eine Welt startete umgehend nach den Erdbeben seine Nothilfe-Maßnahmen. Gemeinsam mit langjährigen Partnerinnen und Partnern vor Ort - den Salesianern Don Boscos und den Don Bosoc Schwestern - verteilt Jugend Eine Welt dringend benötigte Hilfsgüter. Es mangelt an Trinkwasser, Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln und vielem mehr.
Jugend Eine Welt Nothilfe-Koordinator Wolfgang Wedan reiste umgehend ins Erdbebengebiet La Guiara, um vor Ort Hilfsmaßnahmen zu koordinieren.
Jugend Eine Welt Nothilfe-Koordinator Wolfgang Wedan reiste umgehend ins Erdbebengebiet La Guiara, um vor Ort Hilfsmaßnahmen zu koordinieren.
Wie sind Ihre ersten Eindrücke vor Ort im Erdbebengebiet?
„Ich bin vom Flughafen in Valencia mit dem Auto in das Erdbebengebiet östlich nach La Guaira an der Küste gefahren. Der erste Eindruck: Es war sehr viel Militär auf den Straßen mit zahlreichen Checkpoints. Sobald man in die Stadt La Guaira kommt, schaut am Anfang alles normal aus. Aber wenn man dann ins Zentrum kommt, dann ist man wirklich im ‚Vorhof der Hölle‘. Es war dunkel. Es gibt keinen Strom. Die Menschen haben in der Nacht somit kein Licht. Überall heulen die Sirenen. Unmengen Menschen auf den Straßen. Es gibt mit dem Auto eigentlich kein Weiterkommen. Ich bin dann zu eingestürzten Häusern vorgedrungen. Dort haben sich beängstigende Szenen abgespielt. Menschen standen vor den Trümmern und starrten mit leeren Augen auf ihr zerstörtes Zuhause. Viele haben geweint. Die Einsatzkräfte arbeiten intensiv, auch in der Nacht – obwohl heute Nacht ein schweres Gewitter über La Guaira gezogen ist. Dementsprechend erschöpft sind die Einsatzkräfte auch. Die Bevölkerung versorgt sie mit Essen und Trinken, soweit noch vorhanden. Die Wahrscheinlichkeit, Lebende zu finden, wird natürlich von Stunde zu Stunde immer geringer. Ich war bei einer Lebendrettung dabei. Plötzlich ist neben einem eingestürzten Hotel, wo ich mich gerade aufgehalten habe, Applaus aufgebrandet. Die Lichter sind angegangen. Die Rettungskräfte sind zusammengelaufen. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass eine Frau aus den Trümmern geborgen wurde – obwohl in diesem Hotel noch immer rund hundert Menschen vermisst werden.“
- Wie ist die Zerstörung für Sie als erfahrenen Erdbeben- und Katastrophenmanager einzuschätzen? Sie haben schon viele Erdbeben vor Ort erlebt.
"Sumatra und Haiti sind ein bisschen vergleichbar. Wenn man beide Erdbeben-Katastrophen addiert, dann kommt man nach Venezuela. Nirgends habe ich so eine kompakte Zerstörung von Hochhäusern erlebt, wie jetzt hier in Venezuela. Es ist vergleichbar mit dem Bürgerkrieg in Syrien, wo ganze Ortschaften dem Boden gleichgemacht wurden. Menschen, die auf den hohen Trümmerbergen winzig wirken, suchen nach Überlebenden. Es wird mit großem Gerät gearbeitet, auch mit Suchhunden. Häuser stehen schief da. Das Sonderbare ist, dass in Skeleten von Hochhäusern, die noch stehen, trotzdem noch immer einzelne Menschen wohnen, die sich Licht mit Stromerzeugern produzieren. Die restlichen Menschen sind traumatisiert, schlafen auf der Straße, auch auf Müllbergen, da die Müllabfuhr ausgefallen ist. Oder sie schleppen ihre Matratzen auf die Straße und schlafen dort.“
- Was sind die wichtigsten Nothilfe-Maßnahmen, die Jugend Eine Welt nun vor Ort setzt?
„Wir haben gestern schon die erste Hilfslieferung ins Katastrophengebiet an die Küste, in den Bundesstaat La Guaira, zu unseren Partnern gebracht, die dort die Verteilung übernommen haben. Die Hilfslieferung beinhaltete Trinkwasser, die wichtigsten Nahrungsmittel wie Mehl, Reis und Sardinen, dazu kamen Non-Food-Items, wie Hygieneartikel, da meine ich Seife, Rasierer, Windeln, Damenbinden, aber auch Medikamente. Diese Artikel werden jetzt dringend gebraucht. Darüber hinaus ist die psychosoziale Hilfe, also Traumabewältigung, extrem wichtig. Die Menschen sind traumatisiert. Es ist fünf Tage nach dem Erdbeben und so gut wie keiner traut sich, auch in die nicht beschädigten Häuser mehr hinein. Ich selbst habe heute zwei leichte Nachbeben miterlebt, aber ich bin hier in Caracas sicher.“
- Was ist Ihr Plan für die nächsten Tage?
„Nachdem ich mir gestern in der Nacht ein erstes Lagebild gemacht habe, folgen heute intensive Gespräche mit Betroffenen. Zudem fahre ich in andere Ortschaften, wo internationale Hilfe noch nicht hingekommen ist. Es gibt keine Wasserversorgung, der Strom ist ausgefallen. Es wird befürchtet, dass Seuchen ausbrechen, denn wenn die Leichen nicht geborgen werden, dann wird das Grundwasser belastet – vom Geruch will ich gar nicht sprechen.“