“Das Mittelmeer darf nicht der Friedhof Afrikas werden”
Jugend Eine Welt Projektpartner, Caritas Freetown Direktor und Priester Peter Konteh aus Liberia hat uns kürzlich seine Gedanken zur Armutsmigration in/aus Afrika geschickt. Gerne teilen wir nachstehend seine Überlegungen in der Übersetzung auf Deutsch sowie im Original auf Englisch.
Jugend Eine Welt unterstützt Peter Konthe aktuell beim Neubau einer Stadtrandklinik für die ärmste Bevölkerungsgruppe in Freetown, Sierra Leone. Ein herausragendes Projekt, von dessen Notwendigkeit sich Jugend Eine Welt-Geschäftsführer Reinhard Heiserer bei seinem Besuch vor drei Jahren selbst überzeugen konnte. Nähere Informationen finden Sie hier.
Das Mittelmeer darf nicht zum Friedhof Afrikas werden
Eine Reflexion über die Tragödie der afrikanischen Migration von P. Peter Alpha Leo Konteh
Wieder einmal sind unsere Herzen von Trauer erfüllt.
Die Nachricht, dass mindestens 144 afrikanische Migranten vor der Küste Mauretaniens vermutlich ums Leben gekommen oder vermisst werden, ist nicht nur eine weitere Schlagzeile. Sie ist eine weitere schmerzliche Erinnerung daran, dass die Migrationsrouten über das Mittelmeer und den Atlantik zu stillen Friedhöfen für Tausende unserer jungen Menschen geworden sind, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, von einer besseren Zukunft zu träumen.
Unter den Opfern befanden sich junge Männer und Frauen, die Gambia voller Hoffnung verlassen hatten. Nachdem sie fünfundzwanzig Tage lang auf dem Meer gestrandet waren, erreichten viele niemals einen sicheren Ort. Nur eine Handvoll überlebte, darunter zwei Kinder, die Berichten zufolge ihre gesamte Familie verloren haben. Hinter jeder Statistik steht ein Gesicht, ein Name, ein Traum und eine Familie, die unvorstellbare Trauer erleidet.
Die schmerzliche Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Wie viele junge Afrikaner müssen noch sterben, bevor wir aufhören, diese Tragödien als normal hinzunehmen?
Als Priester im Dienst Westafrikas kann ich nicht schweigen. Dies ist nicht nur eine humanitäre Krise, sondern auch eine moralische Krise. Sie stellt unser Gewissen auf die Probe – als Regierungen, religiöse Führungspersönlichkeiten, Familien, Gemeinschaften und als internationale Gemeinschaft.
Über die Tragödie hinausblicken
Wann immer sich solche Katastrophen ereignen, verurteilen wir schnell diejenigen, die in die Boote gestiegen sind. Wir sagen ihnen, sie seien leichtsinnig oder ungeduldig gewesen. Wenn wir jedoch wirklich eine Lösung finden wollen, müssen wir zuerst den Mut haben, uns den Ursachen zu stellen, die unsere Jugend weiterhin in diese gefährlichen Reisen treiben.
Die Regierungen müssen ihre Verantwortung übernehmen
Viele afrikanische Regierungen haben es versäumt, die Voraussetzungen zu schaffen, die jungen Menschen ermöglichen würden, in ihren eigenen Ländern zu träumen und sich zu entfalten.
Millionen gut ausgebildeter junger Menschen sind arbeitslos. Andere schließen ihr Studium ab und stellen fest, dass keine Arbeitsplätze auf sie warten. Vielen fehlt der Zugang zu hochwertiger Bildung, beruflicher Ausbildung, bezahlbaren Krediten oder Unterstützung bei der Gründung eines Unternehmens.
Wenn junge Menschen die Hoffnung in ihre eigenen Nationen verlieren, beginnen sie ganz selbstverständlich, anderswo nach Hoffnung zu suchen. Migration ist oft keine Entscheidung, die aus Luxus getroffen wird; sie ist eine Entscheidung, die aus Verzweiflung geboren wird. Regierungen können nicht weiterhin wirtschaftliches Wachstum feiern, während Tausende ihrer jungen Bürger glauben, ihre einzige Überlebenschance bestehe darin, auf See den Tod zu riskieren.
Der falsche Traum von Europa
Wir müssen auch über eine weitere schmerzliche Realität offen sprechen.
Einige Afrikaner, die in Europa erfolgreich leben, schaffen unbeabsichtigt unrealistische Erwartungen in ihrer Heimat. Familien sehen schöne Häuser, teure Autos, modische Kleidung und Fotos in den sozialen Medien. Selten sehen sie die Jahre der Entbehrungen, der Einsamkeit, der Diskriminierung, der harten Arbeit, der rechtlichen Schwierigkeiten und der Opfer, die diesen Erfolgen vorausgingen. Viele junge Menschen wachsen daher mit der Vorstellung auf, dass Wohlstand garantiert sei, sobald sie europäischen Boden betreten.
Diese Illusion ist gefährlich. Europa ist kein Paradies. Viele Migranten verbringen Jahre ohne gültige Papiere, arbeiten unter schwierigen Bedingungen, sind von ihren Familien getrennt und leben in ständiger Unsicherheit. Wir schulden unseren jungen Menschen die Wahrheit – nicht eine geschönte Version des Erfolgs.
Auch Europa muss sich hinterfragen
Europa kann seine eigene Verantwortung nicht ignorieren.
Zwar hat jede Nation das legitime Recht, ihre Grenzen zu schützen, doch Migrationspolitiken dürfen nicht so restriktiv werden, dass verzweifelte Menschen zu dem Schluss kommen, es gebe keinen legalen Weg mehr. Wenn legale Migration nahezu unmöglich wird, gewinnen kriminelle Schleusernetzwerke an Attraktivität.
Menschenhändler profitieren von der Verzweiflung. Jeder verschlossene legale Weg schafft neue Möglichkeiten für diejenigen, die schutzbedürftige Menschen ausbeuten. Die entwickelten Länder sollten sichere und legale Migrationswege, Studienmöglichkeiten, Programme für saisonale Beschäftigung und faire Visaverfahren ausbauen, um die Versuchung zu verringern, lebensgefährliche Überfahrten über das Meer zu unternehmen. Menschenleben zu retten muss immer eine gemeinsame Verantwortung bleiben.
Auch unsere jungen Menschen müssen kluge Entscheidungen treffen
Gleichzeitig müssen wir unsere eigene Jugend mit Liebe herausfordern.
Nicht jeder Traum erfordert die Überquerung des Mittelmeers. Afrika ist reich – nicht arm an Potenzial, sondern häufig arm an guter Führung, Management, Investitionen und Selbstvertrauen. Die Landwirtschaft gehört nach wie vor zu unseren größten ungenutzten Chancen. Moderne Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Fischerei, Technologie, erneuerbare Energien, verarbeitendes Gewerbe und Unternehmertum können unseren Kontinent verändern, wenn unsere jungen Menschen die notwendige Unterstützung und Ausbildung erhalten.
Anstatt auf Beschäftigung zu warten, können viele selbst Arbeitsplätze schaffen. Dies wird Opferbereitschaft, Geduld, Innovationskraft und Entschlossenheit erfordern – doch nachhaltige Entwicklung wurde noch nie durch Abkürzungen erreicht.
Ist die Sklaverei wirklich beendet?
Die Geschichte lehrt uns, dass die Sklaverei vor Generationen offiziell abgeschafft wurde. Dennoch müssen wir uns eine beunruhigende Frage stellen: Ist die Sklaverei wirklich verschwunden, oder hat sie lediglich ihre Form verändert?
Heute begeben sich viele junge Afrikaner freiwillig in Systeme, in denen sie in Ausbeutung, Missbrauch, undokumentierter Arbeit und Menschenhandel gefangen werden. Viele verlassen ihre Heimat auf der Suche nach Freiheit, nur um sich schließlich in Angst, Ausbeutung und Abhängigkeit wiederzufinden. Das ist nicht die Freiheit, die sie sich vorgestellt haben. Kein Mensch sollte Gefahr laufen, Opfer moderner Sklaverei zu werden, nur weil er nach Würde gesucht hat.
Die Kirche darf nicht schweigen
Die Kirche trägt die Verantwortung, unsere jungen Menschen mit Hoffnung, Wahrheit und praktischer Unterstützung zu begleiten.
Wir müssen weiterhin das Gewissen bilden, Bildung fördern, Unternehmertum ermutigen, berufliche Ausbildung unterstützen und jeden jungen Menschen daran erinnern, dass seine Würde nicht davon abhängt, Europa zu erreichen. Jede Pfarrei, jede Diözese, jede staatliche Einrichtung und jede Organisation der Zivilgesellschaft muss Teil der Lösung werden. Schweigen ist keine Option mehr.
Was muss getan werden?
Um diesen schmerzlichen Trend umzukehren, sind mehrere dringende Maßnahmen erforderlich:
- Afrikanische Regierungen müssen ernsthaft in Bildung, die Schaffung von Arbeitsplätzen, Landwirtschaft und Jugendunternehmertum investieren.
- Die entwickelten Staaten sollten sichere, legale und transparente Migrationswege ausbauen und gleichzeitig Netzwerke des Menschenhandels zerschlagen.
- Familien und erfolgreiche Migranten im Ausland sollten ein ehrliches Bild vom Leben im Ausland vermitteln, anstatt falsche Erwartungen zu wecken.
- Religionsgemeinschaften, Schulen und die Medien sollten junge Menschen über die tatsächlichen Gefahren irregulärer Migration aufklären.
- Junge Afrikaner müssen das Vertrauen in ihr eigenes Potenzial wiederentdecken und sich aktiv am Aufbau der Zukunft Afrikas beteiligen.
Eine abschließende Reflexion
Jeder junge Afrikaner, der auf See stirbt, steht für weit mehr als eine individuelle Tragödie. Mit ihm verliert Afrika möglicherweise einen zukünftigen Lehrer, Arzt, Ingenieur, Landwirt, Unternehmer, Priester, eine Mutter, einen Vater oder eine nationale Führungspersönlichkeit.
Afrika kann nicht weiterhin seine größte Ressource – seine Jugend – auf den Meeresgrund exportieren. Unsere jungen Menschen verdienen Chancen, keine Gräber.
Möge diese jüngste Tragödie unser Gewissen wachrütteln, bevor das nächste Boot ablegt, bevor eine weitere Mutter vergeblich auf einen Anruf wartet und bevor eine weitere Generation an die Wellen verloren geht. Lasst uns für diejenigen beten, die gestorben sind, diejenigen trösten, die trauern, und unermüdlich daran arbeiten, dass Hoffnung wieder hier in Afrika gefunden werden kann – nicht nur jenseits des Meeres.
P. Peter Alpha Leo Konteh
Präsident der Regionalen Union der Priester Westafrikas (URPAO/RUPWA)
Geschäftsführender Direktor, Caritas Freetown
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"The Mediterranean Must Not Become Africa’s Graveyard
A Reflection on the Tragedy of African Migration By Rev. Fr. Peter Alpha Leo Konteh
Once again, our hearts are heavy with sorrow.
The news that at least 144 African migrants are believed to have died or gone missing off the coast of Mauritania is not just another headline. It is another painful reminder that the Mediterranean and Atlantic migration routes have become silent cemeteries for thousands of our young people whose only crime was to dream of a better future.
Among the victims were young men and women who left The Gambia with hope in their hearts. After spending twenty-five days stranded at sea, many never made it to safety. Only a handful survived, including two children who reportedly lost their entire families. Behind every statistic is a face, a name, a dream, and a family left in unimaginable grief.
The painful question we must ask is: How many more young Africans must die before we stop treating these tragedies as normal?
As a priest serving West Africa, I cannot remain silent. This is not only a humanitarian crisis; it is also a moral crisis. It challenges our conscience as governments, religious leaders, families, communities, and as an international community.
Looking Beyond the Tragedy
Whenever such disasters occur, we are quick to condemn those who boarded the boats. We tell them they were reckless or impatient. But if we truly desire a solution, we must first have the courage to confront the root causes that continue to push our youth into these dangerous journeys.
Governments Must Accept Their Responsibility
Many African governments have failed to provide the opportunities that would allow young people to dream and flourish within their own countries.
Millions of educated young people remain unemployed. Others complete university only to discover that there are no jobs waiting for them. Many lack access to quality education, vocational training, affordable credit, or support to establish businesses.
When young people lose hope in their own nations, they naturally begin searching for hope elsewhere. Migration is often not a choice made from luxury; it is a decision born from desperation. Governments cannot continue celebrating economic growth while thousands of their young citizens believe that their only chance of survival lies in risking death at sea.
The False Dream of Europe
We must also speak honestly about another painful reality.
Some Africans living successfully in Europe unintentionally create unrealistic expectations back home. Families see beautiful houses, expensive cars, fashionable clothes, and photographs on social media. Rarely do they see the years of hardship, loneliness, discrimination, exhausting labour, legal struggles, and sacrifices that came before those achievements.
Many young people therefore grow up believing that the moment they set foot in Europe, prosperity is guaranteed. This illusion is dangerous. Europe is not paradise.
Many migrants spend years struggling without legal documents, working in difficult conditions, separated from their families, and living with constant uncertainty. We owe our young people the truth—not an edited version of success.
Europe Must Also Reflect
Europe cannot ignore its own responsibility.
While every nation has the legitimate right to protect its borders, migration policies should not become so restrictive that desperate people conclude there is no legal path available. When lawful migration becomes nearly impossible, criminal smuggling networks become more attractive.
Human traffickers profit from despair. Every closed legal pathway creates new opportunities for those who exploit vulnerable people. Developed countries should expand safe and legal migration channels, student opportunities, seasonal employment programmes, and fair visa processes that reduce the temptation to undertake deadly sea crossings. Saving lives should always remain a shared responsibility.
Our Young People Must Also Choose Wisely
At the same time, we must lovingly challenge our own youth.
Not every dream requires crossing the Mediterranean. Africa is rich—not poor in potential, but often poor in leadership, management, investment, and confidence.
Agriculture remains one of our greatest untapped opportunities. Modern farming, food processing, fisheries, technology, renewable energy, manufacturing, and entrepreneurship can transform our continent if our young people receive the necessary support and training.
Instead of waiting for employment, many can become creators of employment. This will require sacrifice, patience, innovation, and determination—but lasting development has never been built on shortcuts.
Has Slavery Really Ended?
History teaches us that slavery officially ended generations ago. Yet we must ask ourselves a disturbing question: Has slavery truly disappeared, or has it simply changed its form?
Today many young Africans willingly enter systems where they become trapped in exploitation, abuse, undocumented labour, and human trafficking. Many leave home seeking freedom only to find themselves living under fear, exploitation, and dependence. This is not the freedom they imagined. No human being should have to risk becoming a victim of modern slavery simply because they were searching for dignity.
The Church Cannot Remain Silent
The Church has a responsibility to accompany our young people with hope, truth, and practical support.
We must continue forming consciences, promoting education, encouraging entrepreneurship, supporting vocational training, and reminding every young person that their dignity does not depend on reaching Europe. Every parish, every diocese, every government institution, and every civil society organisation must become part of the solution. Silence is no longer an option.
What Must Be Done?
To reverse this painful trend, several urgent actions are needed:
- African governments must invest seriously in education, job creation, agriculture, and youth entrepreneurship.
- Developed nations should expand safe, legal, and transparent migration pathways while dismantling human trafficking networks.
- Families and successful migrants abroad should present an honest picture of life overseas rather than creating false expectations.
- Religious communities, schools, and the media should educate young people about the real dangers of irregular migration.
- Young Africans must rediscover confidence in their own potential and participate actively in building the future of Africa.
A Final Reflection
Every young African who dies at sea represents more than an individual tragedy.
It is the loss of a future teacher, doctor, engineer, farmer, entrepreneur, priest, mother, father, or national leader. Africa cannot continue exporting its greatest resource—its youth—to the bottom of the sea. Our young people deserve opportunities, not graves.
May this latest tragedy awaken our conscience before another boat departs, another mother waits in vain for a phone call, and another generation is lost to the waves. Let us pray for those who have died, comfort those who mourn, and work tirelessly so that hope can once again be found here in Africa—not only across the sea.
Rev. Fr. Peter Alpha Leo Konteh
President, Regional Union of Priests of West Africa (URPAO/RUPWA)
Executive Director, Caritas Freetown