Wenn am 11. Juni 2026 die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, den USA und Kanada mit dem ersten Spiel in Mexiko City angepfiffen wird, blickt die Welt auf volle Stadien, große Stars und globale Begeisterung. Doch außerhalb der WM-Arenen, abseits von TV-Kameras und Promi-Auflauf, spielt der Fußball in Mexikos Alltag meist eine andere Rolle. Nicht der Kampf um den WM-Pokal steht im Mittelpunkt, sondern der Kampf ums Überleben. In Mexiko City und Ciudad Acuña wird der Ball für benachteiligte Kinder, junge Migrantinnen und Migranten sowie für Straßenkinder zu einem Werkzeug gegen Gewalt, Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit.
Zukunftsperspektiven durch Fußball
Die österreichische Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt unterstützt in Ciudad Acuña, gemeinsam mit den Salesianern Don Boscos, ein ganz besonderes Projekt. Dieses richtet sich an Kinder und Jugendliche, die unter besonders schwierigen Bedingungen aufwachsen: in Armut, in informellen Siedlungen, oft ohne sichere Freizeitorte, ohne stabile Bildungswege und ohne verlässliche Zukunftsperspektive.
Ciudad Acuña liegt direkt am Rio Grande, an der Grenze zu den USA. Die Stadt ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und wurde für viele Migrantinnen und Migranten aus Mittel- und Südamerika zu einem Ort des Wartens und Strandens. Viele Familien leben in provisorischen Unterkünften, häufig ohne ausreichende Infrastruktur. Aufgrund der durch die Trump-Regierung praktisch unmöglich gewordenen Einreisemöglichkeiten in die USA ist die Situation noch trostloser geworden. Vor allem für Kinder und Jugendliche bedeutet das vermehrt: wenig Schutz, wenig Förderung, viel Zeit auf der Straße. Dort sind Gewalt, Jugendbanden, Drogenhandel und organisierte Kriminalität allgegenwärtig.
Das Tor zu einer besseren Zukunft
Genau hier setzt das von Jugend Eine Welt unterstützte Projekt an. Im Sozialzentrum der Salesianer Don Boscos finden junge Menschen einen sicheren Ort, an dem sie spielen, trainieren, lernen und Gemeinschaft erleben können. Fußball ist dabei mehr als Sport. Er ist ein Türöffner für Sozialarbeit, Bildung und Prävention. „In so gut wie allen von uns weltweit geförderten Don Bosco-Projekten gibt es einen Fußballplatz und die Möglichkeit, Fußball zu spielen. Straßenkinder, die sonst niemanden mehr haben, finden beim Fußball Spaß, Freunde und lernen Vertrauen zu fassen“, erklärt Reinhard Heiserer, Geschäftsführer von Jugend Eine Welt. „Der Fußball ist somit ein gewisser Eisbrecher. In einem weiteren Schritt erhalten die Kinder und Jugendlichen dann Angebote, zur Schule zu gehen oder eine Berufsausbildung zu machen. Das funktioniert und kann buchstäblich Leben retten.“
Fußball-Projekt auf früherer Müllhalde
Schauplatzwechsel. In Chimalhuacan, einer Vorstadt der Millionenmetropole Mexiko City, dient der Fußball benachteiligten Kindern ebenfalls als Chance für ein besseres Leben. Chimalhuacan entstand auf einem ehemaligen See, der in den 1950er Jahren mit Müll zugeschüttet wurde. Von 1996 bis 1998 bauten zwei Österreicher - Pfarrer Martin Römer und Leopoldine Ganser - mit zahlreichen Spenden der privaten und öffentlichen Hand im Armenviertel das Projekt „Lehrwerkstätten, Jugend- und Sozialzentrum Chimalhuacan“ auf. Mit Fußball wird den Kindern und Jugendlichen dort eine sinnvolle und lehrreiche Freizeitgestaltung ermöglicht.
Drogenersatz Fußball
Schon 1997 wurde mit einer eigenen Fußballliga für die Kinder und Jugendlichen zwischen vier und 15 Jahren begonnen. Der Fußballplatz selbst wurde mit viel Eigeninitiative errichtet. „Das Grundstück für den Platz, im Besitz der Stadtgemeinde von Chimalhuacán, wurde mittlerweile für 99 Jahre kostenlos zur Pacht an die Salesianer Don Boscos übergeben. Somit ist eine gezielte und nachhaltige Kinder- und Jugendarbeit rund um den Fußballplatz möglich“, erzählt Leopoldine Ganser. Der Sportplatz wird von der pensionierten Oberösterreicherin und ihren Mitarbeiterinnen betreut und Instand gehalten.
Insgesamt trainieren 300 Buben und Mädchen in 20 Mannschaften mehrmals wöchentlich auf dem Fußballplatz. Indirekt profitieren auch die Familien in den Armenvierteln von dem Projekt, denn deren Kinder gehen einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nach. „Für die Eltern ist es eine Wohltat und eine große Beruhigung, wenn sie wissen, dass ihr Kind seine Freizeit auf dem Fußballplatz oder bei der Nachhilfe im Jugendzentrum und nicht auf der Straße verbringt“, schildert Heiserer. „Eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung wie das Fußballspielen bringt die Kinder und Jugendlichen von der Straße weg, sie beugt Drogenkriminalität vor und lehrt die Kinder Rücksichtnahme, Verantwortungsbewusstsein, Teamgeist und andere wichtige Eigenschaften, die sie in ihrem Leben brauchen.“
Im Jugend- und Sozialzentrum gibt es weiters eine Bäckerei, eine Näherei und eine Tischlerei, ein Ärztezentrum, Lehrräume für ein offenes Schulsystem für Analphabeten und Schulabbrecher, eine Mehrzweckhalle sowie Sportplätze. Ein Schwerpunkt ist das weitreichende Angebot für Kinder und Jugendliche, damit sie ihre Freizeit sinnvoll gestalten können. Das Programm umfasst sportliche und schulische, aber auch kulturelle Bereiche, wobei das Hauptaugenmerk dem Sport gilt.
Abseits von Millionenverträgen, TV-Kameras und Pokalen
Die beiden Projekte erzählen gerade mit Blick auf die Fußball-WM 2026 eine starke Geschichte: Während Mexiko zur Bühne des Weltfußballs wird, zeigt Jugend Eine Welt in Ciudad Acuña und Mexiko City, was Fußball jenseits von Sponsoring, Millionenverträgen und TV-Übertragungen bewirken kann. „Hier geht es nicht um Stars, sondern um Kinder, die sonst leicht übersehen werden. Nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um Zukunft und wichtige Schulbildung. Denn Bildung überwindet Armut“, so Heiserer.