Anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni macht die österreichische Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt auf die weiterhin dramatische Lage in der nordäthiopischen Region Tigray aufmerksam. Dreieinhalb Jahre nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs leben noch immer Hunderttausende Binnenvertriebene in Flüchtlingslagern und Notunterkünften. Die angespannte Sicherheitslage verschärft die Situation zusätzlich. Aus Sorge vor einem Wiederaufflammen der Kämpfe hat die äthiopische Zentralregierung zuletzt die Schulen für vier Monate geschlossen. „Wir erleben in Tigray eine Krise, die international kaum noch Aufmerksamkeit erhält, obwohl die Not vieler Menschen immer größer wird. Deshalb verbinden wir seit Jahren akute Nothilfe mit langfristigen Maßnahmen, die den Menschen wieder Hoffnung und Zukunftsperspektiven geben sollen“, erklärt Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfekoordinator von Jugend Eine Welt.
Erschütternde Eindrücke
Gemeinsam mit Philippa Belcredi, Leiterin der Programmabteilung von Jugend Eine Welt, besuchte Wedan vor wenigen Wochen Projektstandorte und Flüchtlingslager in Tigray. Die Eindrücke seien erschütternd gewesen. „Rund 90 Prozent der öffentlichen Schulen, die wir besucht haben, sind nach wie vor von Binnenvertriebenen belegt. Man weiß schlicht nicht, wo die Menschen sonst untergebracht werden sollen. Gleichzeitig fehlen dadurch Lernorte für Kinder und Jugendliche, die ohnehin schon Jahre ihrer Schulbildung verloren haben“, berichtet Wedan.
Katastrophale Verhältnisse in Flüchtlingscamps
Besonders prekär sind die Bedingungen in den Flüchtlingscamps. In der Stadt Adwa leben 40.000 Menschen auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik, die während des Krieges geplündert wurde. „Jede Familie verfügt dort nur über wenige Quadratmeter, die durch aufgehängte Decken oder Planen voneinander getrennt sind. Der Anblick ist bedrückend“, schildert Belcredi. Hinzu kommen massive Versorgungsprobleme. „Es gibt viel zu wenig Nahrung. Erste Todesfälle aufgrund von Unterernährung wurden in den letzten Wochen gemeldet. Dazu kommt die extreme Wasserknappheit. Wasser muss mit einem Tankwagen zum Camp gebracht werden. Aufgrund des Treibstoffmangels in der Region – wenn überhaupt vorhanden, dann kostet ein Liter auf dem lokalen Markt mittlerweile EUR 4,50 - steht die Wasserversorgung praktisch still. Das betrifft nicht nur Trinkwasser, sondern auch das Wasser zum Kochen und Duschen. Demensprechend katastrophal sind die hygienischen Zustände. Die vorhandenen acht (!) Toiletten für 40.000 Geflüchtete funktionieren meist nicht. Für die Duschen gibt es kein Wasser. Mangels Alternativen versuchen sich die verzweifelten Menschen im Camp mit Asche zu reinigen“, berichtet Belcredi. Fehlende Abfallentsorgung und mangelnde Beleuchtung führen zudem dazu, dass nachts immer wieder Hyänen in die Lager eindringen. In der Vergangenheit wurden dabei sogar Kinder angegriffen.
Belasteter Bildungsalltag
Neben den Folgen von Krieg und Vertreibung belastet vor allem der Mangel an Lernmaterialien den Bildungsalltag der Mädchen und Buben. Schulbücher, Hefte und Stifte sind vielerorts kaum vorhanden, da Familien ihr knappes Geld für Wasser und Lebensmittel benötigen. „Für viele Kinder sind ein Bleistift oder ein Schulheft keine Selbstverständlichkeit. Oft wird Wissen mündlich vermittelt, weil Bücher fehlen. Die Kinder können sich nichts aufschreiben und müssen darauf hoffen, sich alles zu merken“, so Wedan.
Bitte helfen Sie!
Gemeinsam mit den Salesianern Don Boscos, langjährige Projektpartner in der Region, unterstützt Jugend Eine Welt deshalb neben der Nothilfe auch Bildungs- und Ausbildungsprogramme. In sogenannten „Child Friendly Spaces“ finden Kinder Schutz, psychosoziale Betreuung und die Möglichkeit zu lernen und zu spielen. Wenn ausreichend Lebensmittel vorhanden sind, erhalten sie dort auch Mahlzeiten, wie zum Beispiel frisch gebackenes Brot, um den Hunger zu stillen. „Die Situation bleibt äußerst herausfordernd und wird durch das mögliche Aufflammen des Bürgerkriegs noch verschärft. Die Menschen in Tigray brauchen nicht nur Hilfe zum Überleben, sondern auch Chancen für die Zukunft. Beides gehört untrennbar zusammen“, appelliert Reinhard Heiserer, Geschäftsführer von Jugend Eine Welt. „Bitte vergessen Sie nicht auf die notleidenden Menschen und helfen Sie mir Ihrer Spende. Keiner von uns hier in Österreich kann sich nur im Geringsten vorstellen, was für ein Leid in Tigray seit Jahren passiert.“