Mehr als ein halbes Jahrhundert lebte die aus Neusiedl am See im Burgenland stammende Don Bosco-Schwester Maria Wachtler beim indigenen Volk der Yanomami im Amazonasgebiet von Venezuela. Sie teilte im Regenwald ihren Alltag, lernte ihre Sprache, setzte sich für ihre Rechte ein und gewann das Vertrauen eines Volkes, das sie schließlich als eine der Ihren ansah. Zehn Jahre nach ihrem Tod am 5. September 2016 bleibt ihr Lebenswerk lebendig – und wird von der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt gemeinsam mit ihren Partnern vor Ort weitergeführt.
Missionarisches Wirken im Regenwald
Maria Wachtler folgte ihrer Berufung als Ordensfrau dorthin, wo kaum Infrastruktur vorhanden war und die Menschen unter schwierigsten Bedingungen lebten. Mehr als 50 Jahre half sie im Grenzgebiet zwischen Venezuela und Brasilien. Ihr missionarisches Wirken im Regenwald war geprägt von großem Respekt gegenüber der Kultur und den Traditionen der Yanomami. Sie lernte ihre Sprache, verfasste deren erste Grammatik und half gemeinsam mit weiteren Don Bosco-Schwestern beim Aufbau von Gesundheitsstationen und Schulen. Ihr Anliegen war es, den Menschen Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung zu ermöglichen, ohne ihre kulturelle Identität zu gefährden. „Für die Yanomami war Maria Wachtler keine Fremde aus Europa. Sie wurde eine von ihnen. Ihr Leben erinnert uns daran, dass Solidarität bedeutet, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und sie in ihrem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben zu unterstützen. Dieses Vermächtnis tragen wir bei Jugend Eine Welt bis heute in unserer Arbeit weiter. Dass sie nach ihrem Tod nach dem traditionellen Ritus des Yanomami verabschiedet wurde, ist wohl die größte Anerkennung, die sie erhalten konnte und zeigt eindrucksvoll, wie stark sie mit den Yanomami verbunden war“, erklärt Reinhard Heiserer, Geschäftsführer der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt.
Asche von Yanomami verspeist
Denn Maria Wachtler wurde nach ihrem Tod auf ihren Wunsch hin, sowohl nach katholischem Brauch als auch nach dem traditionellen Totenritus der Yanomami verabschiedet. Ein Teil ihrer Asche wurde am Orinoco beigesetzt, der andere mit einem kleinen Boot mehrere Tage den Orinoco flussaufwärts in das Gebiet der Yanomami gebracht. Nach der Übergabe der Asche an das indigene Volk, brauten die Yanomami im Zuge eines feierlichen Zusammentreffens eine Art Kompott, zu dem am Ende die Asche von Maria Wachtler hinzugefügt wurde. Dann nahm jedes Stammesmitglied feierlich einen Schluck davon. Und die Burgenländerin war Teil der Yanomami geworden. Ein jahrhundertealtes Ritual, das ausdrückt, dass Verstorbene für immer Teil der Gemeinschaft bleiben. Für Maria Wachtler war dies eine außergewöhnliche Würdigung und ein tiefes Zeichen gegenseitigen Vertrauens. Zudem widmete Venezuela Maria Wachtler eine Briefmarke. In Österreich erhielt sie für ihre Verdienste den Romero-Preis.
Jugend Eine Welt hilft vor Ort
Genauso wie zu Lebezeiten von Maria Wachtler sind die Yanomami auch heute, zehn Jahre nach ihrem Tod, massiven Bedrohungen ausgesetzt. Illegaler Goldabbau, Umweltzerstörung, eingeschleppte Krankheiten und Landraub gefährden ihre Existenz und den Regenwald im Amazonas als einen der wichtigsten Naturräume der Erde. Jugend Eine Welt engagiert sich deshalb gemeinsam mit seinen Partnern vor Ort für Projekte, die den Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung verbessern, die Rechte der indigenen Bevölkerung stärken und dazu beitragen, ihren Lebensraum langfristig zu bewahren. Im Herbst startet Jugend Eine Welt mit einem speziellen Ambulanzboot, welches der indigenen Bevölkerung am Orinoco medizinische Grundbedürfnisse erfüllen soll, ein neues Projekt. „Für Jugend Eine Welt ist der 10. Todestag von Maria Wachtler nicht nur Anlass zur Erinnerung an eine außergewöhnliche Missionarin. Er ist zugleich Auftrag an uns, den Einsatz für indigene Völker fortzusetzen – damit Gemeinschaften wie die Yanomami ihre Kultur bewahren, ihre Rechte wahrnehmen und selbstbestimmt über ihre Zukunft entscheiden können“, so Heiserer.
Nothilfe nach Erdbeben
Neben den Projekten im Gebiet der Yanomami fördert Jugend Eine Welt mit dem eigens entwickelten „Back 2 Nature“-Programm in Venezuela, aber auch beispielsweise in Indien, Ecuador oder Nepal gezielt junge Menschen und Familien, um ihre Lebensbedingungen langfristig zu verbessern. Wissensvermittlung, Ausbildung und praktische Methoden im Bereich ökologischer Landwirtschaft stehen dabei im Fokus. Zudem leistet Jugend Eine Welt in Venezuela aus aktuellem Anlass seit Wochen Nothilfe nach den schweren Erdbeben an der Karibikküste, konkret in der stark betroffenen Stadt La Guira sowie der Hauptstadt Caracas.