Was haben Katharina Schratt, der Maler Koloman Moser, die TV- und Radiolegende Heinz Conrads und der Jugendheilige Don Bosco gemeinsam? Sie alle haben eine Grabstätte am Friedhof Hietzing in Wien. Halt, für Letztgenannten ist das nicht ganz richtig – vielmehr ziert eine lebensgroße Don Bosco-Statue jene Gedenkstätte, die Jugend Eine Welt zum Andenken an alle die Hilfsorganisation unterstützenden Menschen an einer Grabstelle eingerichtet hat. Jüngst waren Spenderinnen und Spender dazu eingeladen, unter kundiger Führung einen Rundgang zu Gräbern berühmter Persönlichkeiten in Don Boscos Nachbarschaft zu unternehmen. Als Highlight am Ende des Spaziergangs wurde die Gedenkstätte selbst bewundert – im Beisein des eigens aus Tirol angereisten Schöpfers der Don Bosco-Statue Isidor Winkler.
„Dieser Biedermeierfriedhof wurde im Jahr 1787 eingeweiht, hier liegen viele berühmte Personen begraben“, ließ die Fremdenführerin am Beginn die dem Regenwetter trotzende Besucherschar wissen.
Viel Geschichte und G’schichten
Die ausgewählte Gräbertour entpuppte sich als kleiner Streifzug durch Österreichs Geschichte. Wir erfuhren eine Fülle an „Geschichten & G’schichtln“ aus dem Leben der in ihrer letzten Heimstätte ruhenden Personen – gleich an der ersten Station schon, dem Grab von Katharina Schratt von Ittebe. Die Burgschauspielerin war die angeblich von Kaiserin „Sisi“ selbst auserkorene langjährige Geliebte Kaiser Franz Josephs.
Weiter ging es zum Familiengrab der Auer von Welsbachs (Carl Johann Joachim Freiherr Auer von Welsbach gründete 1906 das Unternehmen Osram), vorbei an der Familie Köchert (K.u.K. Hof-u.Kammer-Juwelier u. Goldschmied seit 1814) zum Maler Koloman Moser (Mitbegründer Wiener Secession) hin zur riesigen Grabanlage der Unternehmerfamilie Mautner-Markhof. Der Blick der Rundgänger fiel da gleich auf das daneben situierte Grab der Schauspiel-, Moderator- und Entertainerlegende Professor Heinz Conrads (der Publikumsliebling starb 1986).
Der letzte Diener und ein Attentat
Die Tour führte weiter zum, das Wiener Stadtbild bis heute prägenden Architekten Otto Wagner, vorbei am schlichten Grabmal von Österreichs Nationaldichter Franz Grillparzer.
Von dort war es nicht mehr weit zu DER österreichischen Malerikone, dem zwischen zwei kleinen Birkenbäumchen stehenden, einfachen Grabstein mit Aufschrift Gustav Klimt. Ein Abstecher zum Grabmal des Johann Baptist Malfatti Edler von Monteregio – berühmter Wiener Mediziner, den u.a. auch Ludwig van Beethoven konsultierte – ließ die Wanderer direkt daneben ein kleines Kuriosum entdecken: das Grabmal von Jean-Baptiste Cléry, dem letzten und treueste Kammerdiener von Ludwig XVI, der nach der Hinrichtung des Königs 1793 nach Wien floh und seinen Lebensabend in Hietzing verbrachte.
Der Erschaffer der Don Bosco-Statue
„Einen schönen Platz habt ihr für den Don Bosco gefunden“, erklärte der an der letzten Station angekommene, wohl älteste Rundgang-Teilnehmer, Isidor Winkler. Stolze 88 Jahre alt, war er gemeinsam mit seiner Frau extra für diesen Friedhofs-Rundgang aus seiner Heimat Tirol angereist. Um Nachschau zu halten, wo „seine“ von drei Kindern umringte Don Bosco Statue ihren endgültigen Standplatz gefunden hat.
2015, anlässlich des 200. Geburtstages des Jugendheiligen Don Giovanni Bosco, hat der in seinem Heimatort Niederndorf bei Kufstein als „Schrottkünstler“ bekannte Isidor Winkler im Auftrag der Hilfsorganisation Jugend Eine Welt (deren Patron Don Bosco ist) die Statue gebaut. Zusammengeschweißt aus alten Metallstücken, Blechteilen, Eisenstangen, Schrauben und altem Werkzeug.
Künstlerisch tätig war der gelernte Koch und langjährige Leiter der Kufsteiner Spitalsküche Zeit seines Lebens. Über Jahrzehnte griff der dreifache Familienvater hauptsächlich zu Pinsel und Farbe. Nach seiner Pensionierung, bei einem Kurs an der europäischen Kunstakademie in Trier, entdeckte er eine Werkstatt, in der figurales Schweißen betrieben wurde. Fasziniert davon, wurde er in weiterer Folge selbst zum „Metall-Bildhauer“. In Niederndorf begegnet man praktisch auf Schritt und Tritt einem seiner Werke: vom hoch zu Pferd sitzenden, mit dem Drachen kämpfenden Heiligen Georg im Kreisverkehr, dem metallisch schimmernden Heiligen Florian vor der Feuerwehr oder dem riesigen, auf einem Stein thronenden, gelb-grün bemalten Frosch bei der Einfahrt zum Waldschwimmbad.
„Leben und Werk von Don Bosco war mir immer schon ein Anliegen, für Jugend Eine Welt habe ich wiederholt gespendet, deshalb hab ich den Auftrag damals gerne angenommen“, erinnerte sich Isidor Winkler zurück und erklärte vor Ort die Symbolik der Figur: „Don Bosco hat Kinder von der Straße geholt und für Bildung gesorgt – dafür steht das Buch. Das Werkzeug, die Zange, für die Berufsausbildung und der Ball dafür, dass Spiel und Spass nicht zu kurz kommen. Das an ihm lehnende Mädchen versinnbildlicht die Geborgenheit und die Fahne stellt die Identität der Gemeinschaft dar.“
Die Reise der Statue
Nach Fertigstellung der Statue ging diese buchstäblich auf Reisen. Von Niederdorf wurde der stählerne Don Bosco zunächst nach Innsbruck gebracht, wo er von Alt-Erzbischof Alois Kothgasser feierlich gesegnet wurde. Nach einigen Monaten „Verweildauer“ reiste Don Bosco nach Wien, wo er vor dem früheren Jugend Eine Welt-Büro in der Hietzinger St.-Veit-Gasse Aufstellung nahm. Anlässlich der Jugend-Synode im steirischen Mariazell 2018 weilte die Don-Bosco-Statue gut ein Jahr lang prominent platziert vor der dortigen Basilika. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Amstetten kehrte Don Bosco zurück nach Wien, vor die Türe der neuen Jugend Eine Welt-Büroadresse.
Nach einer Idee von Jugend Eine Welt-Geschäftsführer Reinhard Heiserer fand die Don Bosco-Statue schließlich im Jahr 2020 ihren endgültigen Bestimmungsort: als zentrales Element des am Hietzinger Friedhof errichteten Erinnerungsortes. „Dieser Erinnerungsort, diese Statue, ist dem Andenken aller Freunde und Freundinnen Don Boscos gewidmet, ganz besonders unseren verstorbenen Spendern und Wohltäterinnen, Freiwilligen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Projektpartnerinnen und -partnern“, erklärte Heiserer bei der Segnung des Gedenkortes durch Salesianerpater Alois Saghy.
„Don Bosco ist hier in guter Gesellschaft“, stellte Künstler Isidor Winkler nun lächelnd fest. Gesundheitsbedingt fehlt ihm mittlerweile die Kraft, mit Schweißen, Hämmern und Flexen solche Kunstwerke zu erschaffen. Aber „ich genieße es, wenn ich eines meiner Werke an so einem würdigen Ort besuchen kann.“ Sprach’s und eilte mit seiner Frau zum Bahnhof, um noch am selben Tag die Rückreise nach Tirol anzutreten. Die restliche Besucherschar wärmte sich zum Ausklang mit Kakao und Kuchen wieder auf.
Ein herzliches Dankeschön an all jene, die am Rundgang teilgenommen haben!