
Als „Schwabenkinder“ bezeichnet man jene Kinder die noch am Beginn des 20. Jahrhunderts zu hunderten aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden ins Allgäu und nach Oberschwaben gezogen sind, um in der warmen Jahreszeit bei reichen Bauern zu arbeiten. Regelrechte Kindersklavenmärkte gab es in Städten wie Ravensburg oder Kempten.
Ein Esser weniger…
Dort konnten Bauern sich einen Buben oder ein Mädchen – im Alter von 7 Jahren an – mitnehmen, den sie als Hütekind auf ihrem Gut einsetzten. Zumeist mussten sie aber auch bei schweren Arbeiten in der Landwirtschaft mithelfen, viele wurden geschunden oder missbraucht. Der Lohn war gering, oft brachten die Kinder nicht viel mehr als das „doppelte Häs“ – zwei Garnituren neuer Oberkleider und ein Paar Schuhe nach Hause. Doch für verarmte Familien in den Oberinntaler Seitentälern, dem Außerfern und in Vorarlberg war das wichtigste, dass ein Esser weniger am Tisch war.
Kindermärkte bis ins 20. Jh.!
Der Ursprung der „Schwabengängerei“ wird im 16. Jahrhundert vermutet. Im 18. und 19. Jahrhundert stieg der Bedarf an ausländischen Kinderarbeitskräften extrem durch neue Landverteilungen und der Einführung der Schulpflicht an. Dies führte zu einem gewaltigen Ansteigen der saisonalen Wanderbewegungen aus den österreichischen und Schweizer Alpentälern. Bei den Kindermärkten in Ravensburg oder Kempten wurden zum Höhepunkt der Schwabengängerei bis zu 4.000 Kinder verkauft. Einen starken Rückgang der Schwabengängerei erreichte erst ein Abkommen zwischen der Republik Österreich und dem Land Württemberg: 1921 wurde die allgemeine Schulpflicht auch für ausländische Kinder eingeführt.
Schwabenkinder - Straßenkinder
Das Schicksal dieser Schwabenkinder unterscheidet sich kaum von dem heutiger Kinder, die uns in den Strassen von Großstädten auf allen Kontinenten begegnen: Straßenkinder! Natürlich gleichen die Schicksale der einstigen Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg nicht aufs Haar jenen von Luis aus Ecuador, oder einem anderen Kind aus Indien: Und doch passt das schon klassische Zitat: Wie sich die Bilder gleichen. Die Bilder, die Muster, die Probleme, die Schicksale – und unser Umgang damit. Schauen wir nicht die ganze Zeit zu?
Schicksale, die uns bewegen…
Nicht alle, zugegeben. Viele sind längst vom Zusehen und Feststellen zum Verändern übergegangen. Es geschieht was für die Straßenkinder. Zum Beispiel in den vielen Hilfsprojekten der Salesianer Don Boscos und ihrer Partner von Jugend Eine Welt. Was den einzelnen Menschen letztlich bewegt, der sich auf das Thema Straßenkinder einlässt, ist die Chance, sprichwörtlich den Finger einem Straßenkind zum Halt reichen zu können... das bewegt. Von solchen Schlüsselerlebnissen erzählen immer wieder Helfer, die sich in den Dienst der Sache stellen: Wie z. B. die Volontäre, junge Menschen aus Österreich, die von Jugend Eine Welt aus jedes Jahr ihren Einsatz in solchen Straßenkinderprojekten antreten – auf drei Kontinenten.
Verschließen bitte auch Sie nicht Ihre Augen vor diesem historischen sowie modernen Problem. Helfen Sie mit, denn nur durch unsere Zusammenarbeit und Zusammenhalt können wir Geschichte schreiben und Dinge bewegen! ...wie damals die beiden Länder Österreich und Württemberg gemeinsam dem Leid der Schwabenkinder ein Ende bereiten konnten!