Schule als zweite Chance

Viele Menschen in Südamerika haben keinen Schulabschluss. Oft zwang sie die Not, schon im Kindesalter zum Einkommen ihrer Familie beizutragen, andere verließen die Heimat oder wurden früh Eltern. Angebote der Salesianer Don Boscos wie die Schule „Mario Rizzini“ in Ecuador geben jenen eine zweite Chance, die nach einem Fehlstart anderswo nur auf Ablehnung stoßen.

 

Ausgrenzung, Angst, Scham und Ohnmacht: Das Los der vielen Menschen in Ecuador, die die Schule vorzeitig beenden mussten, ist hart. Allzu hoch sind die Hürden jedes Anlaufs, das Versäumte nachzuholen und wieder weiterzumachen: Die Regelschulen nehmen die Schulabbrecher später nicht mehr auf und anderswo weist man sie zurück. Die Ablehnung erzeugt Frust, der oft zum Rückzug führt und alles schlimmer macht.

 

Die Situation ruft förmlich nach Antworten im Sinne Don Boscos. Die Schule „Mario Rizzini“ in Cuenca, der drittgrößten Stadt des Landes, ist eine davon. Sie steht allen offen, unabhängig von Herkunft, sozialer Situation oder Alter. Was sie verlangt, ist einzig den festen Willen, sich weiterzubilden und über sich hinauszuwachsen. Genau das trifft auf ihre bunte Schülerschar zu, die Maurer, Buslenker und Näher der Schulbank.

 

Ausgestreckte Hand

 

Erzählen die Schüler ihr Leben, wird man unweigerlich an die Don Bosco-Schüler Bartolome Garelli oder Miguel Rua erinnert: Sie sind Jugendliche, Erwachsene, Schwangere und sogar Senioren, die am Rand der Gesellschaft leben. Alle haben die helfende Hand ergriffen, die ihnen die Lehrer und Salesianer der Schule freundlich ausgestreckt haben.

 

Da ist etwa der 21-jährige Jose, der unter der Woche als Sicherheitsbediensteter eine Fabrik bewacht. Er fiebert stets den Samstagen entgegen, da er dann seine Arbeit ruhen lässt und seine neuen Schulkameraden trifft, sich mit ihnen weiterbildet und Momente der Freude erlebt. Häufig tauscht er mit Arbeitskollegen die Schicht, wenn sich diese mit der Schule überschneidet.

 

Würde und Verantwortung

 

Jennifer aus Chiquintad ist Näherin einer Textilfabrik. „Mit meiner Arbeit unterstütze ich meine Familie finanziell. Dank der Schule mache ich jedoch gleichzeitig meinen Bildungsabschluss“, sagt die 18-Jährige. Sie glaubt, dass Arbeit und Studium der Person Würde verleihen. „Der Schulbesuch ist für viele von uns sehr schwierig. Indem wir es trotzdem versuchen, lernen wir den hohen Wert der Bildung erst zu schätzen. Doch gleichzeitig macht uns diese Anstrengung auch die Bedeutung der Arbeit und des Geldes klar. Man lernt so Verantwortung“, betont die Schülerin.

 

Opa drückt Schulbank

 

Eine besondere Erinnerung ist jene an Don Froilan Marin, den ältesten Schüler von „Mario Rizzini“. Geboren am 25. August 1925 und mehrfacher Großvater, holte er seinen Abschluss nach sechs Schuljahren im Alter von 85 Jahren nach. Sein ganzes Leben hat er dafür aufgeopfert, dass seine Kinder eine Ausbildung machen konnten. Nun wurde er selbst Vorbild aller, indem er das Gymnasium mit viel Fleiß und Stolz schaffte und mittlerweile an der Universität studiert.

 

Teure Migration

 

Lateinamerika kennt jedoch noch eine weitere, unsichtbare Realität: Die Migration. Eineinhalb Millionen Ecuadorianer haben sich bisher auf den Weg in die USA, nach Spanien, Italien oder in andere Länder Europas gemacht, andere flüchteten vom Land in die Stadt. Vielen blieb keine andere Wahl als neue Horizonte zu suchen und die Familie aus der Ferne zu unterstützen, dabei aber neben Heimat, Eltern und Geschwister, Äckern oder Höfen auch die Schule zurückzulassen.

 

Doch auch in vielen Auswanderern sowie in manchen, die sich früh verliebten und Kinder bekamen, brennt der Wunsch, das Versäumte nachzuholen. Ihr Traum ist, einmal das Zeugnis in der Hand zu halten, das ihnen Würde und Chancen auf bessere Arbeit verleiht – wenn sich bloß die Gelegenheit dazu ergibt.

 

Internet-Matura in den USA

 

Für diese Gruppe bietet „Mario Rizzini“ Fernkurse über das Internet an. Die Angebote des E-Learnings sind auch auf jene abgestimmt, die sich altersmäßig von „normalen“ Schülern unterscheiden. Absolvieren kann man sie von jedem Ort aus und zeitlich so flexibel, dass die Teilnahme – gefordert wird mindestens eine Lernstunde pro Tag - auch zwischen langen Arbeitsschichten und der Familienzeit möglich ist.

 

Schüler aus diesem Fernkurs sind etwa die Geschwister Saltos Campos. Vor zehn Jahren sind sie in die USA ausgewandert, um ihrer Familie Geld zu senden. Die Schule wollten sie immer schon fertig machen, wussten aber nicht, wie. Das Fernstudium ermöglichte ihnen die Erfüllung ihres Traums, der Matura. Dieses Ziel erreichte auch Andrea Orellana - lange, nachdem die heute 22-Jährige nach Spanien emigriert war.

 

Linktipp: Schule Mario Rizzini http://www.mariorizzini.edu.ec/

 

Weitere Projekte in Ecuador

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