Spendenbutton
Banner

Hoffen gegen jede Hoffnung!

Augenzeugenbericht einer Ordensschwester aus dem Libanon

LIBANON, 25.7.2006: Dieser Augenzeugenbericht einer katholischen Ordensschwester aus dem Krisengebiet erreichte Jugend Eine Welt am 25.07.2006. Aus Sicherheitsgründen möchte die Autorin der nachfolgenden Zeilen anonym bleiben. "Ich schicke voraus, dass diese Seiten niemanden verteidigen sollen und noch weniger jemanden verurteilen. Wir verurteilen die Gewalt, von wem sie auch kommen mag. Ein Trümmerhaufen schlimmer als im Krieg vor zwanzig Jahren! Alles ist viel massiver und schneller … Es ist nicht wahr, dass nur Stellungen der Hisbollah ins Visier genommen werden. Erst heute Morgen wurde auch eine Kirche in der Beqaa getroffen. In den letzten Tagen ist eine kanadische Familie von israelischen Raketen ausgerottet worden. Die konkrete Wirklichkeit entgeht immer den Kameras. Die Fernseher strahlen normalerweise das aus, was alle bereits sehen; es gibt aber etwas, das niemand sieht und von dem niemand spricht: Keine Kamera hat aus einem Fenster von Kahhale jene ägyptische Frau gefilmt, die für zwei Tage der schwülen Hitze Ägyptens entkommen wollte und hierher gekommen ist. Niemand sah, als sie in den frühen Morgenstunden des 13.7. den Bombenangriff auf den Flughafen hörte und sie sich erschreckt aufmachte, mit tausend Fragen im Kopf: Die Familie? Was tun, um heimkehren zu können? Niemand hat jene Frau gefilmt, die aus Amerika gekommen war, um ihre Verwandten zu besuchen. Die um sechs Uhr morgens des 17.7. Saida verlassen musste, mit ihren drei Kindern erst um halb zehn am Abend in Amman/Jordanien angekommen ist und den ganzen Tag nichts anderes hatte als Wasser und ein paar Kekse … Sie weinte und ihre Kinder weinten, als sie vor dem Polizisten, der ihr das Visa geben sollte, in der Reihe stand! Niemand filmte die Fahrer, die das Dreifache und Vierfache von jenen verlangten, die den Libanon dringend verlassen mussten. Niemand hat die 40 Flüchtlinge gesehen, die in unserem Haus Zuflucht gefunden hatten. Keine Kamera filmt die Flüchtlinge, die – wie Maria und Josef in jener Nacht vor 2000 Jahren – unterwegs sind und nirgendwo Herberge finden, aus Angst es könnte sich um einfallende Feinde handeln! Keine Kamera wird jemals die vielen von der Angst niedergedrückten Menschen filmen, von denen einige in Kürze von "Leiden jeglicher Art" heimgesucht werden. Niemand hat unser Haus gefilmt, unseren EDV-Professor, der vor lauter zersplitterten Fenstern stand! All das haben wir gesehen und auch viele andere Personen, die ich hier nicht nennen möchte. Man spricht von 600 Millionen Dollar Verlust für den Staatshaushalt (und wer berechnet die persönlichen und familiären Verluste? Dafür gibt es normalerweise keine Entschädigung). 80% der Hotels stehen leer, 100.000 Menschen sind nach Syrien geflohen (ich war an jenem Nachmittag des 13.7. unter ihnen – es schien der Weltuntergang zu sein). 460 ausländische Staatsbürger wurden evakuiert, zig zivile Einrichtungen zerstört. Hunderte Tote und Verletzte, Tausende Evakuierte: Zahlen, Zahlen, Zahlen … Für die Zuschauer ist der Krieg eine Anhäufung von Zahlen und Statistiken Aber für uns Betroffene hat das alles ein anderes Gewicht, es ist konkreter, greifbarer: Die Opfer tragen das Gesicht von Freunden und Angehörigen, die Trümmer sind gleichbedeutend mit Jahren wirtschaftlicher Lähmung, Schäden – d. h. tagelang ohne Wasser sein, endlose Nächte ohne Strom, liebe Verwandte, die man vielleicht nie mehr wieder sieht. Das Bild von den 11 Kindern, die beim Versuch aus dem Dorf Merwaheen zu fliehen, lebendig im Autobus verbrannt sind, verfolgt uns. Ich versuche ihre Namen zu erraten und ihr Leben: Sami hatte anziehende schwarze Augen, Mohammend war in der Schule sehr gut, Fatema träumte davon Schriftstellerin zu werden, Nour gefielen die Regenbogen … wir denken an ihre Mütter: Der Tod eines Kindes ist das schlimmste aller Dramen. Und heute beginnt der siebte aufeinander folgende Tag des israelischen Angriffs auf den Libanon. Nach dem Montag, der von rund 70 Militäraktionen und dem Einfall einiger Truppen aus Tel Aviv in libanesisches Gebiet gekennzeichnet war, wurden in der Nacht die  israelischen Luftstreifzüge sowie die Raketenabwürfe der Hisbollah auf Israel wieder aufgenommen. Ziel des Jets mit dem Davidstern waren zwei libanesische Kasernen in Jahmur und Kfar Shima in den östlichen Vororten von Beirut. Die Aktion forderte mindestens 10 Tote, unter ihnen auch Zivilisten, und zahlreiche Verletzte. Gegen Morgen hat die israelische Luftwaffe dann zwei Lastwagen zerstört, die auf der Autobahn bei Biblos unterwegs waren. In der Nacht wurde wieder das Dorf Aitaroun getroffen: weitere sechs Tote, zusätzlich zu den sieben (alle aus derselben Familie), die am Montagmorgen getroffen worden waren. Das israelische Heer hat die Bevölkerung des libanesischen Dorfes Aita Ach-Chaab aufgefordert, noch vor Sonnenaufgang zu verschwinden. "Wir haben kein Auto und auch keine Garantie, dass es unterwegs keine Bombenanschläge gibt", vermeldete ein Bewohner bitter. Und tatsächlich, letzten Freitag wurden 18 Bewohner des Dorfes Marwahin, darunter 11 Kinder, bei einem israelischen Bombenangriff getötet, als sie zwei Stunden, nachdem sie aufgefordert worden waren, ihre Häuser zu verlassen, auf einem Lastwagen geflüchtet sind. Zielscheibe war die Hochburg der Hisbollah im Süden Beiruts, Abschussrampen und Lastwagen, die "Flugkörper" transportierten. Raketen der Hisbollah Auf der Gegenseite haben Raketen, die von der Hisbollah abgefeuert wurden, gestern in Afoula (15 km von Nazareth entfernt) und in Nazaret Ellet eingeschlagen. Etliche Raketen haben Haifa erreicht, von wo die arabische Bevölkerung fliehen musste. Nachdem es keine Zufluchtsorte gab, ist eine dieser Familien nun bei uns untergebracht. Eine dieser Raketen ist – ohne zu explodieren – vor Sonnenaufgang in der israelischen Stadt Nahriya, 10 km südlich der Grenze zum Libanon, gelandet. Das Ziel Israels ist es, die Hisbollah zu entwaffnen und die Raketenangriffe auf den Norden des Landes zu stoppen. Aber geht es wirklich nur darum? Die Verhandlungen Die Situation bleibt ausgesprochen gespannt. Am Montag hat die Hisbollah erklärt, dass sie den Waffenstillstand, den Israel als Bedingung für den Truppenrückzug fordert, nicht akzeptiert. Sie will Verhandlungen über libanesische Gefangene, eine Bedingung, die Israel bis jetzt nicht annimmt. Israel will einen Waffenstillstand ohne Bedingungen. Das arabische Bündnis hat kein plausibles Übereinkommen geschafft. Die G8 haben keine für beide Seiten akzeptable Formulierung gefunden. Die UNO  sucht noch immer … inzwischen stirbt man weiter …! Libanon und Israel – Betroffene auf beiden Seiten Die Schwestern in Nazareth haben die Einschläge gehört. Sie sind aber noch ruhig – bis jetzt folgte keine Einladung, sich in Sicherheit zu bringen. An einem anderen Ort, ganz in der Nähe eines Flughafens und von Kasernen, die heute Morgen zur Zielscheibe geworden sind, und in der schiitischen Zone, schlafen die Schwestern in der Nacht nicht. Es scheint als fielen die Bomben in ihre Häuser. Bis jetzt wurden keine Schwestern, keines unserer Häuser oder die der Angehörigen getroffen. Aber unser Kummer gilt wie immer den Leuten, die verängstigt auf der Suche nach Unterschlupf, Brot und Wasser herumirren. Wir, die wir den 20-jährigen Krieg erlebt haben, hoffen, dass der heutige kurz sei. Unser Vertrauen auf Gott, auf Maria, die über dem Libanon wacht, und auf die Kräfte zum Guten des libanesischen Volkes lassen uns hoffen, dass alles aufhören wird und das Leben üppiger weitergeht als vorher. Das hoffen wir für uns und für alle Völker in dieser Zone! Und mit Jesaja träumen wir: "An jenem Tag wird eine Straße von Ägypten nach Assur [= Syrien]  führen, so dass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assur ziehen können. Und Ägypten wird zusammen mit Assur dem Herrn dienen. An jenem Tag wird Israel als drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten, zum Segen für die ganze Erde. Denn der Herr der Heere wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel mein Erbbesitz." (Jes 19,23-25) Wir danken allen, die uns im Gebet mittragen und bitten, darin nicht nachzulassen, damit die Menschen klüger werden und an Wiederaufbau denken und nicht an Zerstörung." (Augenzeugenbericht einer katholischen Ordensschwester aus dem Krisengebiet, am 25.07.2006) Jugend Eine Welt unterstützt Flüchtlingshilfe im Libanon Die Organisation Jugend Eine Welt Don Bosco Aktion Austria besteht seit 1997. Hauptziel des unabhängigen, entwicklungspolitischen Vereins ist die weltweite Förderung benachteiligter junger Menschen. Jährlich werden mehr als 100 Don Bosco Projekte für Kinder und Jugendliche gefördert sowie Menschen in Katastrophensituationen geholfen. Jugend Eine Welt unterstützt die Katastrophenhilfe und Flüchtlingsbetreuung der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern im Nahen Osten. Deren Präsenz sowohl in Israel als auch im Libanon und die gleichzeitige Betreuung von muslimischen und christlichen Flüchtlingen zeigt ihre neutrale Position, die sich lediglich auf humanitäre Hilfe stützt. Die Arbeit der Salesianer und der Don Bosco Schwestern gilt im gesamten Nahen Osten seit langem als wichtiger Bestandteil des interreligiösen und interkulturellen Dialogs. Wenn auch Sie unsere Arbeit unterstützen wollen: Spendenkonto Jugend Eine Welt: PSK 92.083.767, BLZ 60.000 Kennwort: Flüchtlingshilfe Libanon.

Weitere Informationen & Bildmaterial

Mag. Sandra Jetzinger Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Jugend Eine Welt – Don Bosco Aktion Austria St. Veit-Gasse 25 1130 Wien Telefon: +43/1/879 07 07 – 21, Mobil: +43/664/827 07 93 presse@jugendeinewelt.at, www.jugendeinewelt.at


drucken  DRUCKEN     versenden  SEITE ALS MAIL VERSENDEN     spenden  JETZT SPENDEN